Seminar Bauer Tristan und Isolde

Intensiv Seminars Tristan und Isolde von Roland Bauer
VH Ulm, 24.06.2023

Notizen und Anmerkungen eines Teilnehmers
Im ersten Teil des Seminars erläutert Bauer entsprechend seiner Ankündigung die Modernität der Musik des Werkes bezüglich der Harmonik und der melodischen Strukturen. „Diese Musik kann kaum noch einer äußeren Handlung folgen, sondern muss aus sich selbst heraus und mit ihren spezifischen Möglichkeiten das dem Werke zugrunde liegende philosophische beziehungsweise metaphysische Gedankengebäude kommunizieren“.
Beethoven, der Vollender der Wiener Klassik war Wegbereiter der Romantik. Wagner führt mit der Musik der Oper Tristan und Isolde von der Romantik in die Moderne. Nietzsche nannte den Tristan das „Opus Metaphysicum“, das man nur als ein Kranker verstehen könne. Karol Berger begeistert sich in seinem Buch „Jenseits der Vernunft – Form und Bedeutung in Wagners Musikdramen“ an der Verherrlichung des nihilistischen Todes-wunsches im Tristan.
Die Musik des Tristan gestaltet sich in einer tonalen Kadenzharmonik. Die Entwicklung der Kadenzharmonik beschränkt sich auf Europa und zeichnet sich aus in einer Bewegung auf eine Dynamisierung hin. Es wird ein Spannungsverhältnis aufgebaut, das beim Hörer das Bedürfnis einer Auflösung erzeugt. Das auskomponierte Spannungsverhältnis strebt mittels der Kadenz nach einer Lösung, nach Entspannung, die in der Tonika erreicht wird.
Diese Harmonik findet sich auch in den ersten Takten des Kyrie der e-moll Messe von Bruckner. Tristan ist symphonisch komponiert. Die Musik ist autonom. Sie wird selbst zur Handlung.
Es ist der erste Akkord, der die Musik des Werkes konfiguriert. Der Tristan Akkord. Dieser Akkord bezieht sich nicht auf den Tristan als Person, denn Tristan möchte nicht mehr Tristan sein, er will seine Individualität ablegen, überwinden.
Aus Takt 1 bis 3 des Vorspiels des Tristan entwickelt Wagner die gesamte Komposition mit den ca. 6.000 Takten. Die daraus entwickelten Variationen dieses Grundmodells sind Transformationen innerhalb des chromatischen, aber auch des diatonischen Bereichs. So werden in der Harmonik mehrere Spannungsverhältnisse aufgebaut, die von Wagner fast alle aufgelöst werden, wobei dabei parallel weitere neue Spannungsverhältnisse geschaffen werden.
Die Melodik fokussiert auf das Leiden, auf die Liebe als furchtbare Qual. Aus einem kleinsten Baustein von vier chromatischen Halbtönen wird alles entwickelt. Sie bilden keine autonome melodische Struktur an sich, sondern sind von der harmonischen Struktur abhängig. Diese Halbtöne werden in ihrer Tonfolge sowohl nach oben aufsteigend wie auch nach unten absteigend gesetzt. Mit dem Sext-Aufschwung, der die erste Tonfolge einleitet, gibt es einen Bezug zu der Sexte im ersten Takt von „Erbarme-dich, mein Gott“ in der Matthäuspassion (39) von J. S. Bach.
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In der Komposition des Tristan bilden die Pausen auch ein wichtiges Strukturelement. Durch sie bleibt die Spannung erhalten. Für Bauer sind insoweit die Pausen mindestens so wichtig wie die gespielten Tonfolgen.
Teil 2
In der schriftlichen Ankündigung seines Seminars weist Bauer darauf hin, dass die musikalischen Erläuterungen zwingend zu einem Punkt führen würden, bei dem im zweiten Teil des Seminars auch auf den Inhalt des Werkes eingegangen werden müsse und dabei über die Terminologie von Liebestod und Tod zu sprechen sei..
Wagner bezeichnete das Vorspiel als Liebestod und den Schluss, d.h. den Konzertschluss als Verklärung.
Isoldes Liebestod ist nicht als ein physischer Tod zu klassifizieren. Denn in ihren Empfindungen durchlebt Isolde „alle Phasen des sieglosen Kampfes gegen die innere Glut, bis sie, ohnmächtig in sich zurücksinkend, wie im Tode zu verlöschen scheint.“
Nach der Regieanweisung „Den Blick zu ihr (Isolde) aufgerichtet sinkt er (Tristan) leblos in ihren Armen langsam zu Boden“ ist dagegen Tristans Tod ein echter Tod, d.h. das Ende seiner Existenz verbunden mit dem endgültigen Versagen aller lebensnotendigen Funktionen.
Zum Schlusssatz, der Verklärung: „ Über Tristans Leiche gewahrt die sterbende Isolde die seligstes Erfüllung des glühenden Sehnens, ewige Vereinigung in ungemessenen Räumen, ohne Schranken, ohne Banden, unzertrennbar!“ Hier stellt sich die Frage: Ist der Tod als ein Übergangsstadium zu klassifizieren, das zur Verklärung führt?
In vielen Tragödien, so zum Beispiel bei Shakespieres Romeo und Julia, müssen die Liebenden sterben, da sie nicht anders zusammen sein können. Der Tod ist hier die ultima ratio, um gesellschaftliche Verhältnisse und Normen Codices überwinden zu können.
Anders im Tristan: Tristan und Isolde sehnen den Liebestod herbei, da sich die Liebe erst im Tod erfüllt.
Für das Konzept von Tristan und Isolde greift Wagner auf verschiedene philosophische Denkansätze zurück. Weiter zeigt sich im Libretto auch Wagners Interesse an der buddhistischen Religion.
Es gibt einen ausgeprägten Rückgriff auf das philosophische Gedankengut in Platons Symposion. Es handelt sich dabei um einen Bericht über den Verlauf eines Gastmahls, bei dem die neun Teilnehmer, unter denen auch Phaidros und Aristophanes, in ihren Reden (Vorträgen) versuchen, das Wesen des Eros zu ergründen.
Platon aus Athen (427 – 347 v. Chr.) war einer er bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendste Philosoph der Antike. Phaidros war ein vornehmer Athener, der zum gesellschaftlichen Umfeld von Sokrates gehörte. Aristophanes war ein antiker griechischer Dichter und als Theaterdichter sein eigener Dramaturg.
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Nach Phaidros fordert nichts die Tugend und die rechte Lebensführung so sehr als eine erotische Beziehung. Der Gott Eros will den Menschen im Leben und im Tod dazu verhelfen, Tugend und Glückseligkeit zu ererben. Diese Ansicht gründet sich auf den Gedanken, dass den Menschen nichts so wichtig sei als sein Bedürfnis in den Augen seines geliebten Partners vorteilhaft dazustehen.
Aristophanes veranschaulicht die Bedeutung der Erotik mit dem Mythos der Kugelmenschen. Danach hatten die Menschen ursprünglich eine kugelförmige Gestalt mit vier Händen und vier Füßen und zwei Gesichtern mit je zwei Ohren auf einem Kopf. Es gab männliche Kugelmenschen, von der Sonne abstammend, weibliche Kugelmenschen, von der Erde abstammend, und gemischtgeschlechtliche (androgyne) Kugelmenschen, vom Mond abstammend. Sie waren kraftvoll und wollten sich gegen die Götter erheben. Dem widersetzte sich der oberste Gott Zeus, indem er seinen Sohn Apollo beauftragte, die Kugelmenschen in zwei Hälften zu teilen. Sie waren nun zweibeinige Menschen, die unter der Trennung ihrer anderen Hälfte litten. Durch den sexuellen Akt konnten sie ihr Einheitsbedürfnis vorübergehend befriedigen und ihre Sehnsucht nach der verlorenen Ganzheit kurzfristig stillen. Diese Sehnsucht manifestiert sich in erotischem Begehren, das auf die Vereinigung abzielt. Da Ziel ist, endgültig und wahrhaft „vereinigt und verschmolzen mit dem Geliebten aus zweien eins zu werden.“
Tristan und Isolde streben eine solche androgyne Einheit bei ihrem Zusammentreffen im 2. Aufzug, Szene.2 an. Isolde: „Herz an Herz dir, Mund an Mund“ Tristan: „eines Atems, ein´ger Bund“
Zwei Menschen verschmelzen zu einer Einheit, den Tod erleiden sie gemeinschaftlich und auch im Totenreich, dem Hades sind sie eins und so erhält die Begierde und das Streben nach dem Ganzen den Namen Liebe. Erotik und Liebe streben in einem Prozess der Transzendenz zum Eins Werden mit dem damit verbundenen Absterben der Individualität. Erst durch die Erotik erschließt sich neues metaphysisches Wissen im Wege der Transzendenz.
Wagner: Was dort (im Symposion) die Philosophie, ist hier (in Tristan und Isolde) die Musik.
Über den Rückgriff auf das philosophische Gedankengut der Antike hinausgehend findet sich in Tristan und Isolde eine Bezugnahme auf die Philosophie von Kant und Schopenhauer, nämlich auf das „Ding an sich“ – ausgeführt von Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ und von Schopenhauers der „Welt als Wille und Vorstellung“. Der Ansatzpunkt ihrer Philosophie ist „das Ding an sich“, welches das wahre Wesen der Gegenstände und bei Schopenhauer auch das wahre Wesen der Menschen beschreibt.
Das Ding an sich ist für Kant „der gänzlich unbestimmte Gedanke von Etwas überhaupt“. Ein Etwas, von dem man nichts weiß und auch nichts wissen kann.
Nach Schopenhauer ist die Erscheinung der Welt als Vorstellung und das Ding an sich der Wille. Im Willen ist das Ding an sich zu erkennen. Mit der „Welt als Wille und Vorstellung“, also mit dem Begriff des Weltwillens grenzt sich Schopenhauer von Kant ab. Der Wille objektiviert sich in vielen Erscheinungen, was dem Prinzip der Individuation entspricht: die Welt als Wille des Individuums.
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Wagner ließ sich von diesen verschiedenen Denkansätzen inspirieren. Dies zeigt sich auch in seinen Werken Tannhäuser und Parsifal, die mit Tristan und Isolde zusammenzudenken sind. Auch in Tristan herrscht der Eros.
Erkennbar ist auch das Interesse Wagners am Buddhismus. Er hat den Tristan aus dem christlichen Umfeld des Urtextes herausgelöst. In einem Brief an Richard von Muth schreibt Wagner von dem buddhistischen Ansatz, der sich in der Folge der vier Töne gis – a – ais –h ausdrücke und in ihrer harmonischen Auflösung als dämmernde Ahnung der Erlösung zum Ausdruck kommen würde. Am Ende der Kette der Wiedergeburten steht das Nirwana, das höchste Ziel, das ein Buddhist erreichen kann. Das Nirwana ist der Zustand der Erlösung. In diesem Zusammenhang weist Wagner darauf hin, dass die Kundry im Parsifal den Liebestod von Isolde bereits mehrfach in ihren verschiedenen Wiedergeburten durchlebt habe.
Der Weg zur Erlösung, der Heilsweg eröffnet sich für Wagner durch die geschlechtliche Liebe. Durch die Liebe zur Erkenntnis! Insoweit widerspricht Wagner hier Schopenhauer, für den der Mensch durch Sexualität erkenntnislos wird.
Bezugnehmend und aufbauend auf diese verschiedenen philosophischen Denkansätze entwickelt Roland Bauer ein Modell von sechs Bewusstseins Ebenen, die er wie ein Netz über „den möglichen Inhalt des Werkes“ legt.
Erste Bewusstseinsebene / 1. Aufzug bis 5. Szene Sie bezieht sich auf die reale Welt, die Welt als Vorstellung, die Erscheinungswelt begründet in der Geschlechtsliebe.
Zweite Bewusstseinsebene / 1. Aufzug ab 5. Szene Sie definiert sich aus der Ideenlehre Platons. Der wichtigste Teil von Platons Philosophie ist die „Ideenlehre“. Sie gliedert die Welt in zwei Teile. Der eine Teil ist die „Sinneswelt“, also jene Welt, die man mit den Sinnesorganen wahrnehmen kann. Sie vermittelt eine individuelle Realität. Allerdings ein unvollkommenes Bild der Realität, da man sich bei der Sinneswahrnehmung auch täuschen kann. Die Sinneswelt bezieht sich auf Gegenstände, die veränderlich und vergänglich sind. Der andere Teil wird „Ideenwelt“ genannt und kann nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden. Die Ideen sind unveränderlich und unvergänglich. Der Mensch – zur Erkenntnis fähig – erfasst und begreift als Erkenntnis das wahrhaft Wirkliche, nämlich die Welt der Ideen und nicht deren Abbild, die Sinneswelt. In dieser zweiten Bewusstseins Ebene strebt der jetzt befreite Eros nach Transzendenz. Dritte Bewusstseinsebene Sie beinhaltet die Umkehr von Wahrheit und Lüge. Hier ist ein Bezug herzustellen zu Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und zu Schopenhauers Welt als „Wille und Vorstellung“ Es geht um das Ding an sich. Vierte Bewusstseinsebene – Die Nachtsichtigkeit von Tristan und Isolde 2. Aufzug 2.Szene Tristan: „ von dem Bild des Herzens bergendem Schrein scheut er des Tages täuschenden Sein, dass nachsichtig mein Auge wahr zu sehen tauge.“ In dieser Stufe wird die Erscheinungswelt der Bewusstseins Ebene 1 als Täuschung entlarvt. Fünfte Bewusstseinsebene – Die Erkenntnis der Idee – 2. Aufzug, 2. Szene Nach Platons Ideenlehre ist die Idee als Erkenntnisobjekt ist eine Quelle von Wissen. Als Erkenntnisobjekt ist eine Idee Quelle von Wissen. Eine auf Ideen bezogene Erkenntnis, die nicht
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auf Sinneswahrnehmung basiert, bedeutet echtes Wissen, Daraus folgt, dass die Liebe als Idee sich nicht mehr auf ein Individuum bezieht. Hier ist das Individuationsprinzip komplett überwunden. „Isolde: Du Isolde, Tristan ich, nicht mehr Isolde!“ Tristan: “Du Tristan, Isolde ich, nicht mehr Tristan!“ Sechste Bewusstseinsebene – Die Erkenntnis über das Leiden der Welt Leid und Erlösung – die Bezugnahme zur Philosophie Schopenhauers und auf den Buddhismus. Das Leben besteht im Leiden. Alles Leben, so erklärte Schopenhauer, ist wesentlich Leiden.

Klaus Junken
Neu-Ulm, 10.07.2023
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